Wechselmodell: Heute möchte ich über ein Thema mit euch sprechen, welches sehr intensiv und leidenschaftlich diskutiert wird.

Wechselmodell: Voraussetzungen, Vorteile und Nachteile
Wechselmodell: Voraussetzungen, Vorteile und Nachteile (©-onoky/fotolia.de)

Ich möchte dabei den Inhalt und die rechtlichen Voraussetzungen des Wechselmodells sprechen

Zunächst: Was ist das Wechselmodell?

Das Wechselmodell ist ein Betreuungsmodell, welches sehr stark diskutiert wird. Ich möchte zunächst die verschiedenen Betreuungsmodelle  vorstellen. Nach der Trennung müssen sich die Eltern entscheiden, und zwar darüber, wie der Kontakt der Kinder zu den beiden Elternteile durchgeführt wird. Im Jahr 2017 waren rund 123.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland von der Scheidung ihrer Eltern betroffen. Hinzu kommen noch eine Vielzahl von Trennungen von nichtverheirateten Eltern.

Zum einen gibt es das Modell, dass ein Elternteil alleine das Kind / die Kinder betreut und das Kind zum anderen Elternteil keinen Kontakt hat. Der Kontaktabbruch muss dabei nicht sofort geschehen, sondern kann auch später eintreten.

Residenzmodell

Darüber hinaus gibt es das Modell, in dem ein Elternteil die Kinder überwiegend alleine betreut und zum anderen Elternteil Besuchskontakte hat. Dabei sind die Besuchskontakte unterschiedlich ausgeprägt. Juristen sprechen hier vom sogenannten Residenzmodell.

Wechselmodell und paritätisches Wechselmodell

Und es gibt es Wechselmodell, bei dem sich die Eltern die Betreuung abwechselnd teilen. Dabei wechseln die Kinder nach einer gewissen Zeit die Wohnung. Die Formen dieses Modells sind unterschiedlich von monatsweisen Wechseln über wöchentliche Wechsel bis hin zu täglichen Wechseln (nur Tage/nur Nächte).

Da die Kinder hier zwei Haushalte haben, sprechen einige auch vom Doppelresidenzmodell. Die gleichwertige Betreuung nennt man auch paritätisches Wechselmodell.

Nestmodell

Alternativ gibt noch das Modell, dass die Kinder einer Wohnung leben und die Eltern abwechselnd ein- und ausziehen (sog. Nestmodell). Beim Nestmodell sind daher drei Wohnungen vorhanden: die beiden Wohnungen für die getrenntlebenden Eltern und die Wohnung, in der sich die Kinder aufhalten.

Kommen wir zu einigen Einzelfragen des Wechselmodells

1) Was steckt hinter dem Wunsch der Eltern, wenn Sie das Wechselmodell vereinbaren?

Dem Wechselmodell liegt die Idee zu Grunde, dass getrennt lebende Eltern ihre Kinder gleichberechtigt und gleichverpflichtet weiter betreuen und erziehen. Viele Elternteile befürchten den Kontakt und den „Alltag mit dem Kind“ zu verlieren. Die üblichen Umgangsregelungen (alle 14 Tage am Wochenende und geteilte Ferien) werden als zu gering empfunden.

2) Welche Vorteile werden genannt, die für das Wechselmodell sprechen?

Über die Vorteile und Nachteile des Wechselmodells wird sicher noch viel geschrieben. Es gibt Studien und Umfragen von Psychologen, Meinungen und Erfahrungsberichte von Eltern. Die folgende Auflistung gibt nur einen Überblick zu den diskutierten Aspekten.

Als Vorteile werden demnach betrachtet:

  • Mandanten, die das Wechselmodell wünsche, sehen unter anderem eine intensive emotionale Bindung der Kinder an beide Eltern als Hauptgrund. Sie erhoffen sich auch, dass die Trennung dadurch einfacher von den Kindern verarbeitet wird und die Kinder in Ihrem Alltag (z.B. Schule) weniger Probleme entwickeln.
  • Die Elternteile werden nicht auf bestimmte Rollen reduziert (z.B. Wochenend-Papa).
  • Ein Wechselmodell beendet in der Regel einen gerichtlichen Sorgerechtsstreit. So fällt unter anderem der Stress durch die Verfahren weg.
  • Zusätzlich wird die Kinderbetreuung durch die Verteilung auf beide Eltern als weniger anstrengend empfunden.
  • Einige Mandanten erhoffen sich auch Veränderungen im Hinblick auf die Unterhaltsverpflichtungen.

Doch ein Wechselmodell wird auch mit einigen Nachteilen assoziiert:

  • Zum einen ist ein Wechselmodell für die Eltern eine Einschränkung, weil sie nicht wegziehen können (ohne das Modell zu gefährden). Wenn die Eltern zunächst in Köln gelebt haben, ist ein wechselseitiges Betreuungsmodell noch möglich. Entschließt sich jetzt der Vater nach Hannover zu ziehen, dann ist ein Wechselmodell nicht mehr durchführbar. Dies scheitert allein daran, dass das Kind irgendwo auf die Schule gehen muss.
  • Ein Wechselmodell wird auch häufig damit verbunden, dass die Eltern sich mehr organisieren müssen.
  • Und einige Mandanten befürchten durch das Wechselmodell geringere Unterhaltsansprüche zu haben.

3) Wie sieht die Rechtsprechung das Wechselmodell?

Die Diskussion über das Wechselmodell wird zeitweise heftig und schon fast wie ein “Glaubenskrieg” geführt. Auch die Politik ist hier schon uneins: während die Partei „FDP“ fordert, dass das Wechselmodell als Regelfall in das Gesetz eingeführt wird, hat die Partei „Die Linke“ den Antrag gestellt, dieses Modell gerade nicht als Regelfall einzuführen.

Das Problem liegt in Deutschland auch daran, dass es gerade keine gesetzliche Regelung zum Wechselmodell gibt.

Bundesverfassungsgericht zum Wechselmodell

Mit den beiden Beschlüssen vom 24.06.2015 und vom 22.1.2018 wies das Bundesverfassungsgericht darauf hin, dass der Gesetzgeber nicht verpflichtet sei, getrenntlebenden Eltern eine paritätische Betreuung als Regel vorzugeben. Es sei Sache der Familiengerichte zu klären, ob die Anordnung des Wechselmodells gegen den Willen eines Elternteils nach den familienrechtlichen Regelungen möglich sei oder nicht. Das Familiengerichte habe im Einzelfall zu prüfen, zu prüfen ob die Anordnung des Wechselmodells, im jeweiligen Einzelfall dem Kindeswohl entspricht.

Wann genau ein Wechselmodell vorliegt, wird in der Rechtsprechung in Abgrenzung zu der psychologischen Wertung unterschiedlich beurteilt: In der Psychologie. Hier wird – im Gegensatz zur Rechtsprechung– ein Wechselmodell bereits ab einer Betreuungszeit von mehr als 30 Prozent angenommen (Salzgeber in: NZFam 2014, 922; Giers in: FamRB 2012, 383; Sünderhauf, FamRB 2013, 290).

Bundesgerichthof (BGH)

Der Bundesgerichtshof geht in seinen Entscheidungen bisher davon aus, dass ein Wechselmodell nur dann vorliegt, wenn ein Betreuungsanteil von 50 /50 vorliegt. Die anderen Betreuungsanteile seien nur ein „erweiterter Umgang“. Der BGH hat mit Beschluss  vom 5. 11. 2014 (Az.: XII ZB 599/13) festgestellt, dass selbst, bei einem zeitlichen Betreuungsanteil von 43 % zu 57% kein Wechselmodell vorliegt.

Ob ein Wechselmodell vorliegt, wird nach dem BGH u.a. danach festgestellt, wo das deutliche Schwergewicht der Betreuung bei einem Elternteil liege. Wenn die Eltern sich in der Betreuung eines Kindes abwechseln, so dass jeder davon in etwa die Hälfte der Versorgungs- und Erziehungsaufgaben wahrnimmt, so liegt ein Wechselmodell vor. Dabei wird nicht auf die zeitliche Komponente Rücksicht genommen, sondern es komme dabei auf die Gesamtumstände an.

Hierzu zwei Beispiele

Kein echtes Wechselmodell liegt vor, wenn das Kind etwa nur zu einem Drittel betreut wird (BGH, FamRZ 2006, 1015) oder wenn es nur regelmäßig an 5 von 14 Tagen sowie in der Hälfte der Schulferien betreut wird (BGH, FamRZ 2007, 707).

Kann das Wechselmodell gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden?

Nach der Entscheidung des BGH vom 01.02.2017 kann ein Wechselmodell auch gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden. Ausschlaggebendes Kriterium für die Anordnung eines Wechselmodells ist allein das im konkreten Einzelfall festzustellende Kindeswohl.

Welche Voraussetzungen müssen für die Anordnung des Wechselmodells bestehen?

  • eine bestehende Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit der Eltern, so u.a. das OLG Nürnberg.
  • Nach der Entscheidung des OLG Hamm ist das paritätische Wechselmodell anzuordnen, wenn die geteilte Betreuung durch beide Eltern im Vergleich mit anderen Betreuungsmodellen dem Kindeswohl im konkreten Fall am besten entspricht (OLG Hamm vom. 29.08.2017 – II-11 UF 89/17 in: FamRZ 2018, 1912)
  • Räumliche Nähe zwischen den Eltern
  • kontinuierliche und verlässliche Kindererziehung
  • sowie Grundkonsens in wesentlichen Erziehungsfragen
  • hinreichende Erziehungskompetenzen

Was schließt das Wechselmodell auf jeden Fall aus:

  • akuter Gewalttätigkeit eines Elternteils;
  • erwiesener Alkohol- und / oder Drogenabhängigkeit;
  • oder fehlender Erziehungseignung.
  • Große räumliche Entfernung zwischen den Elternteilen

Ist der Kindeswille zu berücksichtigen?

Die Rechtsprechung geht derzeit davon aus, dass nach dem aktuellen Forschungsstand keine generell zu bevorzugende Betreuungsregelung gibt, hats. Daher prüft die Rechtsprechung, ob und in welcher Weise der Kindeswill zu berücksichtigen ist. Dabei ist der Kindeswille nur ein von mehreren Gesichtspunkten bei der Abwägung. Aber der Kindeswille muss sich als autonomer Kindeswille zeigen, d.h. der Kindeswille darf nicht beeinflusst worden sein.

Welche weiteren Fragen sind noch zu berücksichtigen?

Neben diesem Betreuungsmodell fallen weitere Fragen an:

  • Unterhalt
  • Kindergeld
  • Anmeldung des Kindes bei den Elternteilen

Lesestipp:

Zu dem Thema hat Frau Sünderhauf ein ca. 900 seitiges Buch veröffentlicht. Der Titel lauet: Wechselmodell: Psychologie – Recht und Praxis.

Darüber hinaus haben wir ein Buch zum Sorgerecht veröffentlicht, in dem wir u.a. auch Fragen zum Wechselmodell beantworten:

“77 Fragen und Antworten eines Fachanwaltes zum Sorgerecht”

Hören Sie auch unseren Podcast, der Ihnen regelmäßig Tipps und Hinweis zum Familienrecht gibt.

Autor: Rechtsanwalt Klaus Wille
und Fachanwalt für Familienrecht
Dozent für das Arbeits- und
Betriebsverfassungsrecht
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